Misophonie

Ein Erfahrungsbericht für alle Interessierten.
Für Misophoniker*innen und indirekt Betroffene.

Ein Begriff der «neueren Zeit».
Ein Begriff, den ich per «Zufall» vor ca. 15 Jahren in einem Radiobericht hörte.
Ein Wort welches dem, was sich zu jener Zeit schon lange in meiner Innenwelt zutrug, einen Namen gab.
Dieses Wort lies mich wissen, dass ich doch nicht der einzige komische Mensch auf dem Planeten bin, der sich mit diesem «Problem» rumschlägt.


Eine Therapeutin nannte es eine «Behinderung». Soll und darf man das so benennen?

Es ist ja «aushaltbar» - nicht so schlimm…
Es schränkt mich ja nicht wirklich ein? Oder? Ich kann mich ja «zusammenreissen». Oder?

Mit solchen und ähnlichen Gedanken, begeben wir uns in einen «nebligen Dunst» und nehmen uns selbst nicht mehr ernst…

«zusammenreissen»

Das erzeugt über die Jahre einen Druck. Meist gepaart mit inneren Widerständen und Glaubenssätzen. Das kann ganz subtil und unbewusst geschehen.

Irgendwo muss dieser Überdruck wieder raus. Das ist ein Naturgesetz.

Misophonie bedeutet knapp übersetzt: «Hass auf Geräusche»
Es ist noch wenig erforscht. Aber immer mehr Menschen berichten davon.

Misophonie kann verschiedene Formen annehmen. Der Versuch es zu Beschreiben löst bei nicht Betroffenen oft ein Schulterzucken aus:
«Unangenehme Geräusche stören mich manchmal auch, aber…»

Verständlich. Ich kann ja auch nicht wissen, wie es im Innern meines Gegenübers ausschaut.

Die Misophonie kann gnadenlos sein. Sie lauert den Betroffenen, wie früher der Säbelzahntiger hinter einem Felsen auf und fällt diesen gnadenlos an.

Was kann man in so einem Fall tun?


Kämpfen, flüchten oder tot stellen. Die bekannten Reaktionen…
Oder eben…ZUSAMMENREISSEN und AUSHALTEN…?!


Misophonie - Wird auch als «Wut im Ohr» bezeichnet.

«Es zeigt sich typischerweise bei Alltagsgeräuschen wie Kauen, Schlucken, Atmen, Schniefen, Tippen auf Tastaturen oder das Klicken von Kugelschreibern, die sehr starke Gefühle von Wut, Frustration, Ärger oder Angst auslösen können».
Quelle: Das Internet.

Es geht für Betroffene um den inneren Kampf mit der Misophonie. Den Kampf gegen Symtome die der Körper macht. Das ist bei vielen verschiedenen Symptomen von verschiedenen Krankheiten so.

Man kann auch sagen, es geht um den eigenen inneren Kleinkrieg, der auch nach aussen grosse Auswirkungen haben kann.


Was ist das «Thema» hinter dem «Problem» welches sich als Symptom zeigt?

Die Symptome, wie ich sie auch kenne sind:
Ein zusammenziehen des inneren Raumes. Es macht extrem Eng. Es ist ein Hyperfocus der nichts anderes mehr zulässt. Wie beim Dampfkochtopf wird der Druck immer grösser. Eine starke Kraft, eine hässlich verklebte, undefinierte Wut die aufsteigt. Sogar Mordfantasien können befeuert werden. Diese im Zaun zu halten ist für betroffene enorm anstrengend. Die Kehle zieht sich zu. Schmerz auf der Brust. Atemnot.

Was wenn es zu viel wird?
Dann kommt die Angst hinzu, dass die Kontrolle verloren gehen könnte. Man hat dann quasi Angst vor der Angst. Ein Klassiker!

Und dann… kommt als Ausdruck einer kleinen Entladung zum Beispiel ein böser Blick. Schwer beladen mit Verachtung und Hass… So einen Blick den man niemals losschicken möchte. Und schon gar nicht an eine Person, die zum Beispiel gerade liebevoll für einem gekocht hat… gefolgt von einem in sich zurückziehen. Ein Erstarren. Ein Verstummen, ein Abspalten, ja sogar ein Dissoziieren kann die Folge sein - das alles ist in solchen Momenten viel besser als dem Druck nachzugeben. Warum? Weil es in der Vorstellung sehr gefährlich werden könnte.

Ein Teufelskreis.

Das tönt jetzt vielleicht etwas Dramatisch…? Ja, in einem akuten Moment können es Betroffene genau so erleben!

Das Gegenüber muss in solchen Momenten sehr viel Verständnis aufbringen können. Sofern es überhaupt weiss um was es geht.
Strategien wie zum Beispiel, den Ort zu wechseln, oder die Geräusche übertönen, können kurzfristig helfen. Manchmal reichen aber auch schon die Kaubewegungen.

Da wird bei den Betroffenen etwas aus dem tiefsten Innern auf das gegenüber projiziert.

Mann kann vieles aushalten. Die Frage ist nur wie lange…

Ich selber habe es in akuten Phasen jeweils so formuliert:
«Irgendwann bricht «es» mir mein Genick».
Dieser Gedanke ist nicht schön.

Ich bin seit vielen Jahren am forschen, mit mir und mit meiner Misophonie.
Mein «Genick» ist zum Glück nicht gebrochen. Von anderen Betroffenen lese ich immer wieder von viel Resignation. In Foren wird berichtet man habe dies oder das probiert und es habe nix gebracht. Andere probieren es dann erst gar nicht. Dieser Umstand hat mich zu diesem Text motiviert. Er soll Betroffenen Mut machen.

Es darf ruhiger werden.


Die tiefen Ursachen sind nach meiner Erfahrung so individuell wie wir Menschen verschieden sind.

Es gibt also keine Patentlösung. Es braucht viel Zuversicht, viel Selbstliebe und den Wunsch auf Veränderung. Und es braucht wohl auch eine Beharrlichkeit. Manchmal vielleicht sogar über Jahre. Es ist ein Prozess.

Es kommt von irgendwo her - also darf es auch wieder da hin zurück.

Ist es tatsächlich ein Defekt im Hirn (das hab ich mal so gelesen)? Ist es genetisch oder evolutionär bedingt? Ist es ein Ausdruck von einem Traumata? Kommt es aus der Ahnenreihe oder vielleicht aus einem früheren Leben? Oder ist es ein Neuzeit-Phänomen, welches unsere westliche Gesellschaft wie ein Virus langsam befällt, weil viele Menschen mit der Geschwindigkeit und/oder den Umwelteinflüssen überfordert sind? Eine Mischung aus allem?

Ich weiss es nicht.

Ich kann aber sagen, bei mir ist «es» ein gutes, grosses Stück ruhiger geworden.

Ein Schlüssel für mich ist die Selbstliebe und eine tiefe Ehrlichkeit mit mir selbst.

Eine Frage kann sein: Lebe ich mein eigenes Leben? Oder gibt es Bereiche bei denen ich mich wiederholt übergehe?

Ich musste mir eingestehen, dass ich mich in vielen Situationen immer wieder selbst übergangen habe. Das ich mein Tempo immer und immer wieder den anderen angepasst habe. Und das obwohl ich spürte, dass es nicht meines ist. Das hat viel mit meinen Prägungen und der Art wie ich sozialisiert wurde zu tun. Und natürlich auch mit den Strategien die ich mir selbst angeeignet habe. Seit ich mir erlaube vieles anders zu machen ist die Misophonie leiser geworden.

Konkret war und ist es bei mir eine Forschungsreise über den Körper. Dieses Wunder der Natur annehmen und schätzen lernen. Achtsame Berührungen auf physischer und energetischer Ebene zulassen und weiter schenken. Mich mit meiner Herkunft in der Tiefe versöhnen und Verstrickungen in der Ahnenreihe lösen. Mich meinem inneren Kind zuwenden und meine Wutkraft durchs Herz kanalisieren. Schritt für Schritt und Schicht für Schicht wie bei einer Zwiebel. Wertvoll für mich ist auch das Wissen aus dem HumanDesign welches mir viel von dem bestätigt, was mein System in der Tiefe eigentlich schon lange weiss.



Die Misophonie fühlt sich an, wie eine zähflüssige, dicke Schicht - Wie eine Stellvertretung, die auf etwas aufmerksam machen will… Sie möchte gesehen- und langsam in den Arm genommen werden. Dagegen zu kämpfen, bringt nach meiner Erfahrung nichts. Sie ist immer stärker und nährt sich aus der Wut die man gegen sie richtet.


Allen direkt und indirekt betroffenen Menschen wünsche ich viel Mut, Selbstliebe, Beharrlichkeit und Zuversicht auf der Reise zu sich selbst.

Herzlichst
Manuel
Seit gefühlt 45 Jahren mit der Misophonie unterwegs, Seit ca.15 Jahren am forschen mit ihr - an mir.

misophonie_3
Collage «Misophonie» von Manuel

ps. Übrigens, «zusammenreissen» geht im grunde gar nicht.